SCHAM ist in einem epos, das für die deutsch-abendländische kultur mythologischen charakter hat, ein nahezu leitmotivischer wert: dem PARZIVAL wolframs v. eschenbach.
der mittelhochdeutsche begriff von scham, wie es die "graue eminenz", der alte ritter gurnemanz den parzival lehrt, ist neben der triuwe (anteilnahme, verbundenheit etc.) die zentrale tugend des ritters und bedeutet zurückhaltung, contenance, beherrschtheit
beide begriffe schlagen in ihrer gegensätzlichkeit den raum auf, in dem sich der durch den mittlerweile altmodisch gewordenen begriffritterlichkeitausloten läßt scham ist also (in dieser ritterlichkeit) nicht nur ein begriff der unfreiwilligen zurückhaltung, wie z. b. in schamesröte, sondern hat auch einen starken aspekt der selbstbeschränkung und - wie wir es heute formulieren könnten: der abgrenzung (die grenzlinie, wo etwas beginnt, das "mich nichts angeht ")
TRIUWE als gegensatz zu scham bezeichnet den "raum", der mich anzugehen hat, den ich zu beFRAGEN habe (hier haben wir den sinn der sprichwörtlich gewordenen parzivalschen FRAGEangedeutet) scham/triuwe könnten wir also das feld (oder: die tugenden) nennen, in dem sich der ritter zu bewähren hat
das berühmte epos des parzival ist also auch zu verstehen als eine unternehmung, den ritter/mann/soldat auf christliche werte zu verpflichten - angesichts etwa der maßlosigkeiten der ritterfeldzüge in ihren grausamsten auswüchsen
persönlichkeit - kaschierung bis zur kenntlichkeit
(lat.) person(a) ist maske?- komisch, maske ist doch das gegenteil von gesicht: es fehlen die veränderlichkeit im augenblick, das mimische geschehen als ausdruck eines affektiven befindens, etwa, und die veränderlichkeit in der zeit, das herausbilden von gesichtszügen, die den charakter verraten (können) - wir haben hier das gesicht als das identitätstragende persönlichkeitsmerkmal schlechthin. ein reifer mensch ist bis zur kenntlichkeit entwickelt, wir kennen ihn unter tausenden wieder.
was aber außer der umstand, in seinen charakteristischen anlagen zu diesem allgemein erkennbar EINEN mensch geworden zu sein, zeichnet den identität habenden menschen noch aus? - es ist doch auch - immer mehr oder weniger - die fähigkeit, sich zu behaupten als person unter anderen personen. (es ist ja schließlich auch die unterscheidung - sagen wir jetzt absichtsvoll: GEGEN andere, die kenntlichkeit, IDENTITÄT herstellt)
der pokerspieler (um eine typische wettbewerbsrolle zu nehmen) z. b. muß seine absichten, seine "wettbewerbssituation" mimisch unter verschluß halten oder (zur täuschung) "umgestalten" können; der extremfall dieser mimischen kunst ist der leere, nichtssagende gesichtsausdruck (das sprichwörtliche pokerface), der frösteln oder dergleichen hervorruft ...
das kennzeichen von person ist also offenbar auch, einfluß zu haben auf den eigenen gesichtsausdruck. eine persönlichkeit ist zwar immer auch charakteristisch, d. h. in gewisser weise berechenbar - einerseits, aber andererseits heißt persönlichkeit haben eben auch, sich beherrschen zu können - dort, wo es notwendig erscheint, also eben notfalls auch maske zu sein im sinne von kaschierung. wir würden doch jemanden, der allzeit ein offenes buch für alle anderen darstellt, schwerlich als persönlichkeit bezeichnen, jedenfalls nicht im emphatischen sinne dieses wortes.
er lohnt sich also durchaus, sich mit der herkunft des wortes person zu beschäftigen, um zu einem "vollen" begriff von persönlichkeit zu gelangen, um z. b. auch diese im allgemeinen als negativ ausgesonderte eigenschaft des sich verstellens in ihren sinnmöglichkeiten besser verstehen zu können.
so ist freundlichkeit eine variante von verhalten, die es einem erleichtert, umgang zu haben mit menschen, die einem in die "quere" kommen und zugleich auch eine technik, elegant nein zu sagen; natürlich werden einige jetzt aufjaulen, nein, nein, freundlichkeit ist ein positive haltung zu meinen mitmenschen! - ja, ja, natürlich, aber das postive besteht ja darin, daß ich zetbe sage: an sich bist du genau der mensch, mit dem ich gerne zu abend essen möchte, nur leider, ausgerechnet jetzt habe ich keine zeit etc.
da flog schon wieder dieser satz über mich hinweg, den ich gleich wieder herunterholen wollte durch einen gezielten schuss, aber dann war ich für einen moment so abgelenkt, dass ich ihn aus den augen verlor, den satz, mein ich.
IN MEINEM SPÄTEREN TRAUM SAH ICH IHN NOCH WIE EINEN SATELLITEN DIE ERDE UMKREISEN. dieser satz war zu einem mond geworden.
er umkreist mich tag um tag und lädt mich immer wieder aufs neue ein, ihn zu deuten, d. h. abzuschießen, aber mit jedem weiteren deutungsversuch rückt er noch ein wenig mehr ins unerreichbare.
als ich - damals - diesen "meinen" satz davonfliegen sah, überfiel mich eine große müdigkeit. ich legte mich hin und sank in einen tiefen schlaf.
der krieger ist ein freigiebiges wesen, jeden bedenkt er mit einem geschoss, mit vorliebe zielt er auf ein verkümmertes herz, wache auf + geh dahin, ist seine losung
in dem stamm der hinduri gibt es einen stammesbruder, der heißt friedenspfeife.
als er noch nicht in die kriegergemeinschaft aufgenommen war, hieß er backpfeife, weil jeder, der an ihm vorbeiging, ihm eine knallte, von wegen seinem gesicht, das auf andere immer irgendwie ergänzungsbedürftig wirkte. jetzt wagt es keiner mehr, ihn zu komplettieren, da der medizinmann WEISSES BLATT erklärt hat, dass das kontingent leibhaftiger zuwendung in bezug auf die backpfeife/friedenspfeife erschöpft ist und jede weitere aktion ewiges unglück über die hinduri bringe.
daher sagen die hinduri:
du musst wissen, wann schluss ist, sonst holt dich ein alter anfang wieder ein. das aber ist ein fluch.