dhonau: mit heruntergezogenen socken




dhonau, 16:36h
=zeit war`s

wer spricht hier?   269

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Donnerstag, 3. September 2009


du mußt dein leben ändern (VI)

wer spricht zu uns? ...


ein weiteres zitat aus dem sloterdijk-buch:

« „Du mußt dein Leben ändern“ Die Stimme, die Rilke im Louvre zu sich sprechen hörte, hat sich inzwischen von ihrem Ursprung gelöst. Binnen eines Jahrhunderts ist sie in den allgemeinen Zeitgeist eingeflossen, ja, sie ist zum letzten Inhalt all der Kommunikationen geworden, die um den Globus schwirren. Es gibt im Augenblick keine Information im Weltäther, die nicht ihrer Tiefenstruktur nach auf diesen absoluten Imperativ zu beziehen wäre. [...] Es läßt sich nicht leugnen: Die einzige Tatsache von universaler Bedeutung in der aktuellen Welt ist die diffus allgegenwärtig wachsende Einsicht, daß es nicht so weitergehen kann. » (siehe s. 699)


ausschnitt aus dem bild „athanor“ von anselm kiefer im louvre

interview zum bild
(c) dhonau
ich glaube, daß die skulptur in der herausbildung der statue erst zu ihrem eigentlichen anfang gelangt ist. der mensch feiert und be-WUNDER-t sich hier in seiner disposition der aufrechten haltung, des aufrechten ganges hin zur freien handlung, die – ihrer ursprünglichen zwecke entfremdet – das greifen, fassen und bearbeiten der fingerfertigen hände in sprache überträgt.
wenn also das statuarische nicht nur dem aufgerichteten tier namens mensch korrespondiert, sondern auch der propositionellen kraft alles (sich) ausdrückens, insonderheit des sprechens, dann kann alles intendieren nur den sinn des erlegens, des hinstreckens, des zum erliegen bringens haben — eben als gegensatz zum aufrechten gang, in dem der mensch sich zum problem überhaupt macht. an ihm soll kein weg mehr (so ohne weiteres) vorbeiführen; denn problem heißt ja der wortbedeutung nach etwas, das einen am weitergehen hindert. ein problem ver-STEHEN heißt dergestalt, es aus dem stehen ins liegen bringen, das stehen per vorsilbe VER auflösen.

das materialbild anselm kiefers im louvre hat den menschen in einer kosmischen nacht niedergestreckt, er kann sich als DAS problem selber nur lösen, wenn er sich zurückgegeben vorstellt, und kaum ist er noch zu unterscheiden von allem, aus dem er geschöpft ist. dieses hingegeben sein an "sein" material ist die eigentliche aussage des bildes. bevor wir uns aber hinlegen, sollten wir erst aufgestanden sein




dhonau, 23:26h
=zeit war`s

global   510

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du mußt dein leben ändern (V)

am besten aber ...


   
du vergißt das. ja. und natürlich, je öfter du eingebleut bekommst, was du tun sollst, desto unweigerlicher wird sich dagegen ein widerstand formieren. tu also, was du nicht lassen kannst. äh ... und dann ... wirst du dich irgendwann dabei überraschen. daß du dich schon formiert hast: du gibst deinem leben eine richtung ...
denn diese einsicht in das notwendige soll den weg die freiheit aufschließen, klingt komisch, aber vielleicht ist da ja was dran ...
   




dhonau, 22:05h
=zeit war`s

leben   326

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du mußt dein leben ändern (IV)

paris gibt es (noch) nicht
sagt pulpian
oder:
paris ist eine postkarte

zur informellen immunologie der metropolitaner




   
ein weiteres zitat aus sloterdijks besagtem buch:

"Wir haben Grund, bei Menschen nicht bloß mit einem einzigen Immunsystem zu rechnen, dem biologischen, das in evolutionärer Sicht an erster, in entdeckungsgeschichtlicher jedoch an letzter Stelle steht. In der Humansphäre existieren nicht weniger als drei Immunsysteme, die in starker kooperativer Verschränkung und funktionaler Ergänzung arbeiten: Über dem weitgehend automatisierten und bewußtseinsunabhängigen biologischen Substrat haben sich Menschen im Lauf seiner mentalen und soziokulturellen Entwicklung zwei ergänzende Systeme zur vorwegnehmenden Verletzungsarbeit herausgebildet: zum einen die sozio-immunologischen Praktiken, insbesondere die juristischen und solidaristishen, [...] mit denen Menschen [...] ihre Konfrontationen [...] abwickeln; zum anderen die symbolischen beziehungsweise psycho-immunologischen Praktiken, mit deren Hilfe es gelingt, ihre Verwundbarkeit durch das Schicksal, die Sterblichkeit inbegriffen, [...] zu bewältigen" (s. 22)
   




dhonau, 17:01h
=zeit war`s

paris   396

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du mußt dein leben ändern (III)


             
      
dieser (hier nicht gezeigte) TORSO, der uns anschaut wie der blinde seher teiresias, der sagt, ihr seid die gattung, die aufgerichtet ist, die auf zwei beine gekommen ist, um freie hände zu haben zu handeln. und dieser unserer gattung ist aus dieser HALTUNG (auferstehung!) der begriff der WÜRDE erwachsen —
      
    
      
ihr habt euch um kopf und kragen gelebt, jetzt angesichts eines endes kommt endlich an den ANFANG! BEGINNT euch, bringt euch auf die welt, hört auf mit eurem mutter/vater-geschrei, eurer wehleidigkeit! ihr seid nicht auf ewig tochter/sohn! weder im glanz einer allgemeinen aufmerksamkeit noch im dunkel einer allgemeinen abgewandtheit lebt ihr, nein, ihr lebt in dieser eurer aufrichtung als das, was immer ihr sein oder gelten möget ...
      
             




dhonau, 12:51h
=zeit war`s

leben   353

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Mittwoch, 2. September 2009


du mußt dein leben ändern (I)






Archaischer Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du musst dein Leben
[ändern.







rainer maria rilke, frühsommer 1908, paris
@„Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen“

da ist mit dem fehlen der augen
das schauen geblieben, vielleicht
sogar umso präsenter. im
torso des lichtgottes, des gottes
des erkennens, der erkenntnis, zeigt
sich dies schauen, von den augen
abgelöst, als eines, das an andere "organe"
gebunden ist; diese "göttlichen" augen,
wenn man so will auch "innere" augen,
augen des herzens, der seele,
des platonischen wiedererkennens,
die "ideen-augen" nämlich, die sind
es, denen wir rettungslos unverborgen bleiben.

@„der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug“

weil, wie diese stelle nahelegt,
diese augen schaffenskraft haben;
sie sind es, mit denen wir uns
gleichsam hervorbringen, denen auch sind
wir ausgeliefert, mehr noch als
irgeneinem gewissen. (der christlichen art etwa)



siehe auch ...

oder auch …

oder – in bezug auf rodin –: …

oder – (nochmals) in bezug auf rodin –: …

oder – in einem film über: rodin — rilke …



dhonau, 19:05h
=zeit war`s

rilke   489

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