die geburt aus den eigenen reden die die welt erfüllen
ein guter problemredner ist einer, er es aushält, wenn man ihm nicht gefolgt ist, der, wenn er merkt, er ist mit seiner rede allein (im saal oder wo auch immer), einfach weiterredet, bis jemand, warum auch immer, erscheint. der setzt sich erstmal hin, wundert sich auch nicht, daß er nichts versteht, denn er ist ja zu spät. irgendwie ist er aber froh, daß einer überhaupt mit einer rede da ist, und die einem zudem nicht gleich das gefühl gibt, verstehen würde heißen, die rede selber fortführen zu können reden – sagt jetzt der problemredner in seiner neurosenhochform – heißt leben. wer schweigt, ist tot. da erschrickt der hereingeschneite zuhörer. nanu? vielleicht gibt es mich gar nicht. er holt seinen taschenspiegel hervor, kämmt sich die haare, nur um den augenblick zu überstehen. als er vom spiegel aufsieht, spricht er laut aus sich heraus: mein gott, wo ist der redner? niemand in der aula, die die studenten WELT nennen, ist weit und breit zu sehen. da pfeift er erstmal einen internationalen hit, dessen titel er vergessen hat, vor sich hin. dann erhebt er sich, geht hierhin und dorthin, merkt alsogleich, daß er dabei ist, den saal mit einer unaufhörlichen rede zu erfüllen. als er die ersten sätze, die da seinem mund entweichen, selbst wahrnimmt, denkt er, unglaublich, als ob ich nie etwas anderes gemacht hätte. auf meine späten tage noch eine solche karriere! dann strömen die zuhörer aus nah und fern in den saal, keiner wundert sich, daß da einer vor ihnen steht und redet und redet ...
die barbaren, das waren bei den alten griechen diejenigen, die (das ist der lautmalerische anklang der wortbedeutung) unverständlich redeten und die sich also fremd anhörten. auf diese weise, das ist wie beim wort ausländer heute, sind erst mal alle, die nicht einheimisch sprechen, in einem topf. wir würden (in anderen zusammenhängen sagen können: die (kauder)welsch sprechen. aus diesem phänomen des aus der perspektive einer vorherrschenden kultur (der römer) barbarisch fremden sind die germanen (und diese ihre bezeichnung) hervorgegangen. das waren zunächst auch nur die (ebenfalls sehr verschiedenen) stämme jenseits des limes (des römischen schutzwalls), die in für sie unzugänglichen regionen, sagen wir hinter sumpfwäldern, hausten, die nicht besetzt werden und auch anders nicht oder nicht so ohne weiteres in ihre "leit- oder führungskultur" eingeliedert werden konnten, daher blieben sie trotz der tatsache, daß sie einzelne stämme und stammesführer für ihren militärischen apparat dienstbar machen konnten, immer unrömisch, in ihren augen unzivilisert. aber wie immer haben die menschen vor allem vor denjenigen, die sich ihnen selbst gegenüber als resistent erweisen, auch gehörigen respekt.
so leitet sich daraus auch ab, daß, wer sich bei aller bereitschaft, sich in sublimere formen des zusammenlebens einzuüben, sich seines "barbarischen" ursprungs erinnert, noch mehr, der sich in einer wie auch immer bejahenden weise auf sein herkommen beziehen kann, ohne dorthin zurückzuwollen, der wird zu einem tragfähigen und belastbaren sozialen selbstbewusstsein kommen können. der ursprung des germanischen, im weiteren des deutschen liegt also, könnte man pointiert sagen, auch in der "paranoia" der weltmacht roms, aus deren perspektive alle jenseits des limes GERMANEN waren – eine komplexitätsreduktion, eine vereinfachung, ein kampfbegriff. zu jeder identitätsbildung gehört offenbar ein externer blick. das, als was du giltst, als was du angeschaut wirst, gehört zwangsläufig in den prozess jeder (sozialen) identitätsbildung. nur wenn wir das verstehen, können wir offensiv mit den gesellschaftlich bedingten kränkungen, mit unseren sozialkomplexen in unserem "vorindividuellen gepäck" umgehen. du bist auch das, was andere in dir sehen, das gehört auch in deinen einfluß- und geltungsbereich, auch; gerade wer sich dadurch nicht festlegen lassen will, muß das vor sich selber, paradoxerweise, anerkennen, meint dhonau
hier ein satz : ich spaziere auf das schloß den schloßberg hinauf
der wittgenstein ja der wittgenstein hat erst lange aus einem saustall namens sprache eine ordnung machen wollen, damit alles genau an seinem platz ist, so eine ideale sprache, aber dann, nachdem er gemerkt hat, daß der saustall eine saugute, nämlich einigermaßen plastische angelegenheit ist gerade in seiner alltäglichkeit, hat er eine selber saugute philosophie der normalsprache entwickelt, die ihre bedeutungen hervorbringt durch anwendungen (in "sprachspielen"), durch einfach ihren gebrauch, sodaß er sich hinreißen ließ, die bedeutung mit ihrem gebrauch gleichzusetzen, sodaß etwa ein wort wie schloß an sich gar nichts bedeutet, sondern erst wenn du es gebrauchst in etwa diesem satz: ich spaziere auf das schloß den schloßberg hinauf oder in jenem satz: ich schließe das schloß auf, dann hole ich die kleine truhe aus dem kasten heraus.
wenn du etwa willst, daß ein wort nichts mehr sagt, dann wiederhole es zigmal kontextlos, immer wieder und wieder;
du kannst dann merken, wie es sich allmählich so fremd anhört, daß du denkst, mein gott, wofür soll das wort eigentlich gut sein, ja, denn mit dieser methode näherst du dich dem an, was wir nicht-gebrauch nennen können ( denn strenggenommen gibt es keinen vorführbaren nicht-gebrauch eines wortes, denn sobald du es auch nur zeigst, und ähnliches, hast du es ja schon in einem gebrauch), und nach der wittgensteinschen bedeutungstheorie ist das wort, sofern es nicht im gebrauch ist,
sozusagen kein wort, sondern vergleichbar mit einem findling, der ja gewissermaßen seines konstitutiven kontextes verlustig gegangen nur so herumliegt, daß jeder denkt, nanu, was will der stein uns sagen? ein verdammt stummer stein ist das, erst ein paar moränenforscher werden dann irgendwann herausgefunden haben, daß hier eine womöglich jahrtausende bedeutungsverschiebung stattgefunden hat: ein findling ist ein monolithisches phänomen, d. h. bedeutungsresistent gewissermaßen, so wie ein paar häuser weiter ein mann lebt, der nirgenwo hinpaßt, sodaß alle welt fragt, woher hat es den hierhin (zu uns) verschlagen?
– das wird doch nicht der wittgenstein luggi sein?