ein torso ...
ist doch, nachdem der mensch — endlich auf zwei beine gekommen, aufgerichtet mit einem blick in die horizontale weite, frei schwingenden armen, mit händen zur freien fabrikation, — ein alptraum. des STEHENS entledigt, der position (von lat ponere = setzen, stellen, legen) jedenfalls, die von allen stellagen am schutzbedürftigsten ist, (die viel beschworene menschliche FREIHEIT ist doch "nur" dieser begriff, den die menschen erlangt haben, womöglich gerade weil sie das (durch sich selbst) VERFOLGTE lebewesen schlechthin sind (homo homini lupus; etc.), stellt sich schließlich freiheit als ein schweben heraus, das aber ist die bewegung, in der der torso in seinem abstraktionsprozeß zur allgemeinsten vorstellung (sozusagen: nach hause) kommt — ein torso, weil ohne extremitäten, schwebt, und da das SEHEN erst in der loslösung vom menschlichen auge zur größten leistung gelangt (denken wir an die teilchenbeschleuniger als die sichtbarmachung subatomarer welten), wenn es also aus aller leiblichkeit externalisiert ist. dann ist es aber auch kein wunder (obwohl es ein wunder ist), daß wir den (an)blick des torsos FÜRCHTEN. natürlich werden Sie jetzt sagen: ICH, ich fürchte keinen torso, schon gar nicht diesen da, der im museum von tausend augen erodiert sein unleben fristet. tja, kann ich nur sagen, das fürchten will gelernt sein. nicht umsonst erzählt ein bekanntes märchen die geschichte von einem, der auszog, das fürchten zu lernen ... seien Sie also nicht vorschnell stolz auf diese Ihre furchtlosigkeit |
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du mußt dein leben ändern (IX)
wenn wir das buch sloterdijks, das also auf das rilke-gedicht vom archaischen torso apollo zurückgeht, (aus dessen nachgeordneter mitte UNVERMITTELT das autoritätsverdikt DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN! herauspringt), aus dieser so hergestellten entfernung betrachten, dann haben wir zugleich auch im blick, daß alles bei rodin beginnt, dem sich rilke genähert hat, um nicht zu sagen, er ist dem bildhauer auf die pelle gerückt, um als verlorener lyriker, der er bis dato doch gewesen war, sich ihm anzuschließen als einen DING-gestalter, um wieder und gewissermaßen neu, von vorne, zu erlernen, daß alles gestalten sich an diesem DING-paradigma zu messen habe, um einerseits zu begreifen, daß alle abstraktion letztlich sich selbst als diese IRGENDWIE aufheben muß, um nicht rettungslos sich selbst verloren zu gehen (das ist das, was die umgangssprache mit SICH ERDEN meint); und andererseits zu begreifen, daß das DING letztlich nur der platzhalter sein kann für das, was wir mit dem konkret-greifbaren meinen, aber nicht sagen können, und gerade insofern ist das vielbeschworene DING das allerabstrakteste — und um aus all diesem wirrwarr unseres sprechens herauszufinden suchen wir immer wieder anschluß an eine autorität, die all dies sprechen übersteigt und befriedet ... das war seither das geschäft der religion, aus deren klauen sloterdijk "das alles" herausreißen möchte, indem er sich zu der behauptung versteift, religion gebe es gar nicht (mehr), das, was von ihr noch in umlauf ist, das sind die gerüchte, mit denen die diversen amtsträger und firmeninhaber (päpste und dergleichen) ums überleben kämpfen — wie ich finde, gar nicht einmal so erfolglos |
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du mußt dein leben ändern (VIII)
« Es liegt in unserer senkrechten Stellung zur Erde, andererseits in der horizontalen lage unserer beider Augen, daß die senkrechte und waagrechte Richtung als Grundrichtungen aller anderen uns eingeboren sind. Wir verstehen alle anderen, beurteilen und messen sie erst im Verhältnis zur Waagrechten und Senkrechten. » (a. v. hildebrand [1847 - 1921]; zit. nach eduard trier, bildhauertheorien im 20. jahrhundert, s. 165 f, berlin 19924)
« Wie wichtig die Vertikalachse für die monumentale Plastik ist, hat auch die Kunstwissenschaft der Zeit um 1900 zu bedenken gegeben. August Schmarsow stellte in seinen "Gurndbegriffen der Kunstwissenschaft" (1905) fest, daß die Aufrichtung der Vertikalachse der Ausgangspunkt für das tektonische Mal und für das menschliche Individuum sei. "Der Kern des menschlichen Einzelwesens als eines selbständigen Körpers im Raum wird dadurch konstituiert", schrieb der in Leipzig lehrende Kunsttheoretiker, der sich vor allem der Erforschung der Bildhauerkunst gewidmet hatte, und verallgemeinernd stellte er die These auf: "Von dieser Dominante des dreidimensionalen Komplexes beginnt die konkrete Gestaltung in irgendwelchem Material; denn nach dem Höhenlot unseres eigenen Leibes beurteilen wir alle Kreatur." (op.cit., S. 234) » (s. 166, ebd.)
« Der Mensch als das Maß aller Dinge, — dieser Glaubenssatz ist bekanntlich von den Dadaisten, insbesondere von HANS ARP (1886-1966), in Frage gestellt worden. Aber auch er leugnete deswegen nicht die Faszination der Vertikalen, so selten sie auch in seinem Oeuvre in Erscheinung treten sollte. Nur der Satz von Hans Arp, den er 1955 im Gespräch mit C. Bryen fallen ließ, verrät sein Interesse, das sich möglichwerweise von Werken anderer Bildhauer hatte anregen lassen:
"Die Vertikale zielt auf das Unendliche"[...] » (ebd.) |
an anderer stelle ist diese vertikale von mir schon zur menschlichen bipedie, dem aufrechten gang, in korrespondenz gestellt worden. und daß das menschliche sich aufrichten ein gattungsstiftendes wie zugleich gattungsübersteigendes merkmal (der "frevel"-disposition des menschen) ist, zeigt sich auch in der hier von arp behaupteten konnotation der vertikalen mit dem unendlichen, sprich unbegrenzten. wir könnten das auch in die formel bringen vom menschen als der starkbegrenzt-starkunbegrenzten gattung, und – um die satirische implikation noch deutlicher werden zu lassen: als der unbegrenzt-begrenzten gattung wie auch immer, wir sehen in diesen gedanken auch ein allgemeine formulierung dessen, was die religiöse dispostion des menschen markiert. das, was sloterdijk in seinem hier angesprochenen buch mit OBEN meint, wenn er auf das rilke-gedicht vom ARCHAISCHEN TORSO zu sprechen kommt. |
« Noch deutlicher hat sich JOEL SHAPIRO (geb. 1941) im Zusammenhang mit seiner Plastik "Plastik ohne Titel 1983" erklärt: "Die Vertikalität ist eine Kernfrage der Bildhauerei. [...]" Katalog Joel Shapiro, Stedelijk Museum Amsterdam u.a.O., 1985/86; S. 45." » (s.167, ebd.) |
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der ehrenwehrte balsack
| | da gibt es diesen menschen, der kann nicht leben, denkt er, weil doch zum leben dies oder jenes gehöre, dessen er entbehrt, dann denkt er, bleib besser zuhause, du kannst dich nicht hinauswagen, wo doch der jedesmalige kampf, an dem all die anderen anscheinend mit wonne teilnehmen, stattfindet, dann hört er ein lachen aus der nachbarschaft, wieder ist da etwas, das ohne ihn geschieht, nicht wahr, wieder einmal, aber es ist dieses lachen, das ihn irgendwie auch nährt und jenen jungen frauen gehört, die sich ausschütten über die witze des brüllaffen aus der anliegenden wohnung, wo die frau lebt, die ihren sohn allein verzogen hat, die ihn fortgezogen, weggezerrt hat von der gesellschaft der männer, weil doch all diese männer, denen sie begegnet ist, einen pfifferling wert sind, und diesen unerträglichen sohn, den sie da aufgezogen oder hochgewurschtelt, der all die eigenschaften, die sie selber zertrümmert haben ins unmaß gesteigert hat, dieser paradoxe hundling ist jener brüllaffe, der unserem lebensuntauglichen wandlauscher diesen seinen namen verdankt und der all die weiber der umgebung schalou macht, indem er es versteht, ihnen auf impertinente art und weise die zeit zu vertreiben. dauernd macht er brüllwitze, in die er sich quasi selber hineinsetzt, wie ein sabberndes baby in den wieder und wieder herausquillenden brei, welchen mama in ihn hineingestopft – und jetzat gibt er den mutterbrei kunstvoll in immer neuen kaskaden den entzückten frauensleuten listig zurück. er entlastet sie ein wenig und vorübergehend – en passant! – von diesem ihren manischen füttertrieb, mit dem sie heerscharen an kleinen kindern mißbrauchen werden. es ist eine freude es ist ein jammer ... (übrigens nennt er sich selber EHRENWERTER BALSACK — und kommt aus hinterpfaffenhofen) | |
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partisipian, der beograder
| | oh, wissen Sie, ich war ein großer künstler, doch groß und künstler, das sind doch worte, die nur in epochengeschichten, aber nicht für uns, die wir ein nichts sind, bereitstehn, aber dennoch kreisen diese begriffe um die angebeteten seelen, in denen sich unsere sehnsüchte versammeln, über allem zu schweben, doch zugleich sind wir die erniedrigte kreatur, die allem, was dem leben gilt, gnadenlos ausgesetzt ist, allem, sagt PARTISIPIAN, der beograder, als welcher er seinen frankophilen eltern entflohen ist, um diese sätze, die der literatur, naturellement der schlächten, entstammen, in drittverwendung vor sich her zu treiben ... | |
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du mußt dein leben ändern (VII)
| | « Wollte man alle Lehren der Papyrusreligionen, der Pergamentreligionen, der Stylus- und Federkiehlreligionen, der kalligraphischen und typographischen Religionen, alle Ordensregeln und Sektenprogramme, alle Meditationsanleitungen und Stufenlehren, alle Trainingsvorschriften und Diätologien in eine gemeinsame Werkstatt versetzen, wo sie in einer letzten Redaktion zusammenggefaßt werden müßten: Ihr äußerstes Konzentrat würde nichts anderes sagen als das, was der Dichter in einem transluziden Moment aus dem archaischen Torso Apollos emanieren läßt. Du mußt dein Leben ändern! – so lautet der Imperativ, der die Alternative von hypothetisch und kategorisch übersteigt. Es ist der absolute Imperativ – der metanoetische Befehl schlechthin. » (s. 47, ebd.) | |
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DER FEIGENBAUM
| | | | ein gegensatz zu feigenbaum wäre der baum der verbotenen früchte wäre der baum der erkenntnis denn als die menschen sündenfähig wurden, sagen wir es einmal weltlich, als sie mit bewußtsein ausgestattet wurden, insbesondere, als sie sich ihrer selbst bewußt werden mußten (mit bewußtsein belastet wurden), als sie anfingen sich selber zu sehen, als sie sich mit den augen anderer sehen konnten, weil das sehen kommuniziert werden konnte, weil das sehen sprache, mithin gesellschaftlich wurde, da waren sie im allge-  meinen und besonderen ENTBLÖSST. sich zu bedecken, sich bedeckt zu (ver)halten, einen unterschied zu machen zwischen privat und öffentlich, macht die menschen zu dem, was sie sind: zu GESELLSCHAFTLICHEN und zu POLITISCHEN wesen, da gibt es kein vertun.
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wenn wir noch einmal auf das torso-gedicht von rilke bezug nehmen:
Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt, darin die Augenäpfel reiften. Aber sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,
sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug der Brust dich blenden, und im leisen Drehen der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen zu jener Mitte, die die Zeugung trug ...
es ist wie wenn aus aller religion nur noch eine schaltende mitte (gewissermaßen eine namenlose, subjektlose autorität) von oben nach unten übrig gelassen wäre, wie wenn allein noch übrig bliebe die richtung nach OBEN, wie wenn wir uns die möglichkeit aufbewahrt hätten als eine notwendigkeit über alles leben hinaus zu denken zu existieren zu sein, so bliebe uns dadurch auch ein angesprochen werden können, das mehr wäre als eine instanz in irgendeiner menschlich-irdischen hierarchie, der wir uns zu beugen hätten. diese schaltmitte, wenn dieser technische ausdruck gestattet sei, weil er uns vor sakralem geschwätz bewahren kann, diese schaltmitte, in der richtungen organisiert werden, wohin zu gehen sei, wohin die reise geht, was zu geschehen habe, und dergleichen, diese schaltmitte also sichert uns die letzte möglichkeit, uns als wesen zu begreifen, die antworten über das leben hinaus zu geben haben, fragen, die sich uns stellen, ob und wie wir sie auch immer wahrnehmen, — und die allgemeinste form dieser antwort liefert eben jener satz: DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN | |
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warum hier die ...
| | verquickung von DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN und PARIS/RODIN/RILKE? | | | |  weil es die metropole ist, die nur diese kommunikation RODIN-RILKE hat hervorbringen können; die metropole, die das bürgertum herausgelöst hat, das in der flanierenden rede seinen gipfel hat. das sich-um-kopf-und-kragen-reden. die freien händen des auf zwei beine gekommenen wesens fuchteln herum; sie geben beredtes zeugnis ab von dem losgelassenen tier, das diesen unseren planeten scheucht und schindet. endlich wird es ernst werden, die kaffeehaus-gespräche, welche doch im ernst nie stattgefunden haben zwischen hoch-kooperativen, hoch-auseinandersetzungsfähigen geistesrittern, sind ins fernsehen verlegt worden und zeigen sich als das, was wir immer schon befürchtet hatten: öffentliche erregungsrituale und sedierungsprogramme. hatten früher die protagonisten sich gegenseitig noch vorgeworfen, ihr jeweiliges publikum für dumm zu verkaufen, so stellt sich immer mehr heraus, sie halten alle in wahrheit für unverbesserliche angsthasen | | | | | | | |  wer die bildhauerwerke rodins anschaut, und die klassisch-antiken darstellungen im hinterkopf hat, die errichtung idealtypischer menschen-götter, dem wird diese menschliche herausgebildetheit des anfällig-seelisch-"geneigten", die affektive realität des menschlichen, die zerstörtheit des idealtypischen womöglich ebenso aufgehen, wie es dem grenzbewanderten neurosenkämpen dieser zeilen gegangen ist. wer in der neuzeit restlos angekommen ist, der mag denken, den menschen gibt es nur als neurose. als groß aufgeladenen kümmerling. aber bei diesem frusturteil kann und darf es kein bewenden haben. d. h. wir brauchen auch formate, die diesen unseren übersteigerungen standhalten, ihnen eine erträgliche, sprich kommunikable form geben. als einen solchen großversuch sehe ich das sloterdijk-buch an. | |
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