wir machen uns eine vorstellung von dem, was die erziehungsungeheuer, die in uns (gar nicht mehr so recht) am werk sind, PFLICHT genannt haben. wir bekommen einen kleinen schweißausbruch. von einem unsichtbaren meister auf die bühne WELT geschleudert, mit einer modernen bindungsschwäche unterwegs, wie es sich für zeitgenossen und -genössinnen gehört. es haben sich heerscharen von therapeuten versammelt, mit dem ergebnis, dass wir heute mehr psychische krankheiten haben als menschen. die erfindung solcher krankheiten ist wahrlich ein kreatives geschäft. so wie jede firma heute um ein alleinstellungsmerkmal bemüht ist, um zur unverwechselbaren adresse zu werden, muss jeder aktuelle mensch, jede menschin eine ganz einzigartige neurose vor sich hertragen, sonst bleiben wir in den regalen der virtuellen warenhäuser (single-supermärkte) kleben. wir nehmen uns die freiheit der umetikettierung. wer es aus versehen nichts geworden ist, sollte zur kompensation die fähigkeiten eines pressesprechers ausbilden, niederlagen in siege umzumünzen.
der unterschied von technik und techné in einem heutigen diskurs könnte sich so veranschaulichen (lassen): angesichts der sich heute abzeichnenden auswirkungen der modernen risikogesellschaften (vgl. ulrich beck in einem interview der aktuellen SZ), denken wir nicht nur an die atomare technik und die sie betreibende konzernwirtschaft, sondern auch an die explosive mischung unserer ausufernden produkte in der finanzwirtschaft, die ja nicht nur den geldfluß unserer wirtschaften zu lenken und organisieren haben, sondern zugleich den dichten nebel erzeugen, in dem clevere kriegsgewinnler (wenn wir internationale wirtschaft als die fortsetzung des (handels)friedens mit quasi-kriegerischen mitteln ansehen wollen) sich macht und geld beschaffen, dann wird doch eines zunehmend klarer: technik im engeren sinn erzeugt (siehe auch die prosperierende rüstungsindustrie in einem avancierten demokratischen staat wie der bundesrepublik) geld und macht, deren lobbies in abgespaltenen sphären agieren, und eine risikobereitschaft im gefolge haben, das wir seither nur in den casinos dieser welt vermutet hatten. jetzt aber zeigt sich, daß sich bald konkurrierende begriffe von technik und wirtschaft in öffentlich global geführten diskursen herstellen müssen und werden, die anstelle von technik im sinne des üblich technischen knowhows einen begriff etwa von téchne setzen, der fragen etwa des sozialen wie informellen netzes mit einbezieht.
(im sinne von einer kunst, das leben in seinen gesellschaftlich-ökonomisch-politischen aspekten zu bewerkstelligen; im gegensatz zu einer reduzierten auffassung von technik, die fragen, probleme isoliert betrachtet und löst. ein runder tisch, an dem ALLE repräsent sind; heute haben die wissenschaften fette reputation, mit denen geld verdient wird oder die das geldverdienen organisieren helfen. die sozialwissenschaften etwa treten auf wie eine bettlerinnung im anklagesound. die germanisten schämen sich, daß sie germanisten sind. die politischen, soziologischen oder auch die kommunikationswissenschaften gelten als laberwissenschaften. usw. mit solchen etikett(ierung)en zum beispiel kompetent umgehen zu können, sollte zum bestandteil jeder ausbildung gehören. berufliches kontextwissen, auch das ist ein hochrelevantes feld, denn es geht um das erlernen von einflußnahme, politisches knowhow. all das deutet an, was zur téchne gehört, wenn wir nicht eine gesellschaft von berufsidioten darstellen wollen.)
wir sind jetzt so weit, daß sich einwände in bezug auf die reellen chancen von der umsetzbarkeit solcher politischen programme bald als überflüssig herausstellen werden. denn globalisierung stellt sich zunehmend auch als prozeß heraus, der öffentliche diskussionen über katastrophen-szenarien als universale begleitmusik beinhaltet. die frage also nach der umsetzbarkeit von ganzheitlicherer politik stellt sich nicht mehr auf der theoretischen ebene, sondern gleicht einer operation am offenen herzen. da gibt es kein vertun.
wenn je die chance bestand für einen runden tisch, an dem alle (sprich: ALLE) platz nehmen (werden), ohne daß sie darüber sich irritiert zeigen werden, keinen chefsessel ausfindig machen zu können, dann nur durch die abzeichnung der umfänglichsten aller globalisierungen: der zerstörung der menschenwelt durch die weltmenschen. da braucht es nicht einmal mehr eine moral, die unseren feierlichen reden seit jahrhunderten als grundlage dient.
in dem roman sagt die mutter der tochter (=erzählerin) von deren schon verstorbenen vater, also ihrem mann, er hätte sich, da sei sie sich sicher, einmal in eine andere frau verliebt gehabt. wie sich im dem mutter-tochter-gespräch herausstellt, ist der ehemann deswegen keine liaison eingegangen, obwohl diese liebe eine geraume zeit wohl angedauert hat. ("Nein, ich glaube nicht, dass sie Sex hatten.") und daß dieser (ehe)mann keinen sex mit der anderen frau hatte, erklärt sie mit seiner RECHTSCHAFFENHEIT; – eine heute kaum noch gebrauchtes wort. andererseits erklärt sie ihrer tochter, der hauptprotagonistin des romans (aus deren perspektive erzählt wird), warum sie ihr das gesagt habe. sie habe sich nämlich oft gewünscht, ihr mann hätte diese liaison auch sexuell gelebt; auch mit dem wohl erhöhten risiko, ihn ganz zu verlieren. warum sie sich das aber gewünscht hätte, das erklärt sie ihrer tochter nicht. der tochter-erzählerin fällt in diesem zusammenhang (für sich, im inneren monolog) die strophe des shakespeare sonnetts (129) ein, die im vorigen eintrag sowohl im original, wie auch in der deutschen übersetzung des romans auf deutsch wiedergegeben ist, sowie in einer weiteren anderen übertragung ins deutsche zum vergleich. es geht an dieser stelle des buchs um einen verstorbenen ehemann, um eine frau-mann-beziehung einer vorigen generation (siehe den begriff rechtschaffenheit), um eine alte variante von – sagen wir mal – nicht-ausleben des lust-lebens wie auch des nicht-explizit-werdens, denn dieser mann teilt sich ja nicht mit. interessant ist hier für mich die analoge zweifache zurückhaltung des mannes. das läßt sich in zwei fragen einfangen: erstens: muß (darf) man alles ausleben? zweitens: muß man alles erzählen? dahinter verbergen sich auch die fragen nach liebe und wahrhaftigkeit.
zudem habe ich – bewußt – die ganze sache, wenn auch nur zart angedeutet, in eine vage verbindung gebracht mit der aktuellen erdbeben/akw-katastrophe in japan. die japanische gesellschaft wohl ebenso wie die japanische politik sind ja trotz der tatsache, daß das land (s. hiroshima) wie kein anderes unter den folgen atomarer technik zu leiden hatte und vielleicht auch noch hat, den weg in die sogenannte friedliche nutzung der kernphysikalischen TECHNIK mit größter konsequenz gegangen; und auch trotz der tatsache, daß japan eine der am meisten von erdbeben gefährdeten regionen dieser welt ist. seine bevölkerung ist in vielerlei maßnahmen für den eventualfall von erdbebenkatastrophen vorbereitet. (angeführt als ein indiz für das allgemein vorhandene bewußtsein dieses japanspezifischen risikos). wenn wir außerdem die etwas grobe, aber sicher nicht ungerechtfertigte gleichung MÄNNER=TECHNIK aufmachen, dann haben wir einen fragenkomplex, in dem eine ganze moderne welt sich spiegeln läßt. diese sich von dort ableitenden fragen nach der hybris mensch, nach der hybris mann, nach dem lustprinzip, nach selbstbeschränkung, ethik in sozialen kontexten, nach der hybris technik, wie auch das ins spiel bringen eines antik-griechischen verständisses von téchne als einem umfänglichen begriff von einem wissen-wie (gelebt werden soll), der frage auch von was alles möglich ist wie auch der frage nach dem LEBBAREN leben im individuellen wie auch gesellschaftlichen-politischen — alles das verbirgt sich in diesem roman in einer marginalen gespiegeltheit, einer "kleinen" geschichte, in der eine frau ihre "krankheit" lebt, wie vielleicht andere ihrem exzessiven begehren nachleben, sozusagen in einer therapeutisch wie erzählerischen entzogenheit der männerwelt, wenn man so will. im schatten einer modernen männerwelt strandet das so viel wegen der kommunikativen reduziertheit kritisch betrachtete leben unserer vorväter erzählerisch unter dem aspekt der selbstbeschränkung wie eine flaschenbotschaft in unserer zeit an. es zeigt sich, daß untergegangene welten oft nicht so ganz und gar vergangen sind, wie wir das manchmal glauben, daß sie unverhofft wiederkehren – nicht als alte zeit, nostalgisch verklärt, sondern in untergegangenen, aber nicht erledigten aspekten.
übrigens ist hier noch nicht geredet worden über den interessanten wunsch der mutter, ihr mann möge seine mehr oder weniger uneingestanden angebete auch zu seiner geliebten gemacht haben. in diesem ihrem wunsch drückt sich für mich – dialektisch verkehrt sozusagen – die wenn auch von ihr UNGELEBTE hybris frau aus. hybris deswegen, weil hier das spiel mit dem feuer anklingt. und das gilt doch wohl auch: der mensch kommt nicht um die anmaßung, die es bedeutet, ein mensch zu sein, herum. die vielleicht da und dort gewünschte selbstbeschränkung darf nicht zur ideologie werden, die nur regressive antworten auf die gefährdung und gefahr namens mensch zuläßt. ein mensch kann nur durchkommen, wenn er das "DURCH" annimmt, wenn er beherzt sich den gefahren stellt; das heißt natürlich auch, daß es letztlich darum geht, sein lebbares MASS zu "lernen"/ zu finden. in dem wunsch der frau, ihr mann möge sich auch woanders als mann erwiesen haben, verbirgt sich vielleicht auch die sehnsucht, die gefährdungen und die gefahren des lebens nicht auszuklammern, sondern MIT ihnen zu leben, unabhängig davon, wie man sie im einzelnen beantwortet oder ihnen konkret begegnet.
Des Geistes Sturz in unermeßne Schmach, Das ist die Tat der Lust, und bis zur Tat Voll Mord und Meineid, Blut und Ungemach, Wild, maßlos, grausam, roh und voll Verrat; Verachtet schon, wenn eben noch begehrt,
Sinnlos gejagt, und endlich, wenn errungen, Sinnlos verflucht, ein Köder, der, verzehrt,
Mit Tobsucht jeden schlägt, der ihn verschlungen; Toll im Verlangen, im Besitze toll,
Habend gehabt, in Habbegierde wild, Süß im Genuß, genossen qualenvoll, Vorher ein Glück, ein Traum nur, wenn gestillt; Das weiß die Welt, doch keiner weiß zu fliehn Die Himmelswonnen, die zur Hölle ziehn.
Begehrend toll und toll auch im Genuß; Stets zügellos, verlangend wie gestillt; Im Kosten Glück, gekostet nur Verdruß; Im Anfang Wonne, dann ein Traum so wild: Das weiß die Welt, doch Keiner weiß zu meiden Den Himmel, der uns führt zu Höllenleiden.
(zitiert nach der in der deutschen übersetzung des romans "The Summer Without Men" vorkommenden strophe des shakespeare sonnetts nr. 129 )
"The expense of spirit in a waste of shame Is lust in action: and till action, lust Is perjured, murderous, bloody, full of blame, Savage, extreme, rude, cruel, not to trust; Enjoyed no sooner but despised straight; Past reason hunted; and no sooner had, Past reason hated, as a swallowed bait, On purpose laid to make the taker mad.
Mad in pursuit and in possession so; Had, having, and in quest to have extreme; A bliss in proof, and proved, a very woe; Before, a joy proposed; behind a dream. All this the world well knows; yet none knows well To shun the heaven that leads men to this hell."
mit den nachrichten dieses tages, die etwas schwelendes haben, dieser ferne japans und der plötzlichen, aber jetzt omnipräsenten nähe dieses themas auch den tag begonnen. jede allgemeine nachricht ist an sich schon kombiniert mit der persönlichen situation, in der man sie erhält, etwa einer irgendwo herrührenden gestimmtheit, die in meinem fall eine ohnehin vorhandene durchlässigkeit darstellt, eine durchlässigkeit, die vielleicht damit zu tun hat, die ängste alles lebendigen im blick zu haben, insonderheit die eigenen — in diesem moment meines lebens. das heißt jetzt nicht, IN der angst leben, im gegenteil. sie im blick zu haben (=distanz) UND sie zu spüren (=nähe), bedeuten zusammen einen grenzfall von drin sein UND zugleich draußen, bedeuten also auch, MIT den ängsten alles lebendigen zu leben, nervös-aufmerksam lebendig zu sein und schon eine beginnende erschöpfung auf sich zukommen zu sehen. langsam, ich meine, wirklich LANGSAM in die nähe dessen zu kommen, was psychisch aushaltbar ist. kaum aber ist das so hingeschrieben, scheint schon wieder das gegenteil einzutreten. nach einem wort von hölderlin [„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“] ist in jeder gefährdung auch ein gegenmittel enthalten.
bei einem spaziergang in die stadt hatte ich noch etwas in einer buchhandlung zu bestellen (nicht für mich). dabei stieß ich auf ein neues buch von SIRI HUSTVEDT (die autorin von WAS ICH LIEBTE, einem phantastischen buch) mit dem titel DER SOMMER OHNE MÄNNER, was ich, ohne vorher lange hineingesehen zu haben, kaufte. schon der erste satz verrät, daß ich das wohl kaum einmal zu bereuen haben werde:
"Eine Weile nachdem er das Wort Pause ausgesprochen hatte, drehte ich durch und landete im Krankenhaus. Er sagte nicht: Ich will dich nie wiedersehen, oder: Es ist aus, doch nach dreißig Jahren Ehe reichte Pause, um aus mir eine Geisteskranke zu machen, in deren Hirn die Gedanken platzten, wild herumfuhrwerkten und voneinander abprallten wie Popcorn in einer Mikrowellentüte."
("Der Sommer ohne Männer")
wem ich erklären muß, was mir an dem anfang dieses romans gefällt, der wird es ohnehin nicht verstehen, darum kann ich mir diese anstrengung schenken. mit meiner beiläufig und völlig unnachdrücklichen idee von xy-art (im vorigen eintrag) als katastrophenkunst habe ich das ALLGEMEINE und das KONKRET-PERSÖNLICHE im blick gehabt, ohne diese idee selber im griff zu haben. ja, eine richtige idee ist immer größer als derjenige, der sie hat.
diesen eintrag aber OHNE MÄNNER in anlehnung an das siri-hustvedt-buch zu nennen, kombiniert meine nicht wirklich durchdachte idee von xy-art als katastrophenkunst (des allgemeinen dahinlebens) mit der plötzlich ausbrechenden geisteskrankheit bei einer frau, deren mann sich von ihr in einer beiläufig und kaschiert vorgebrachten ankündigung von ihr trennte. das jedenfalls scheint die hustvedt in ihrem buch zu erzählen (das ich ja noch nicht gelesen habe) — und den nachrichten dieses tages. alle diese halb disparaten aspekte einer einzigen ausgesparten, nicht ausformulierten angelegenheit mögen in einer vorstellung gipfeln, die diesem eintrag ihren namen verliehen hat: OHNE MÄNNER