chuck liebt seinen sohn, spricht das aber nicht aus, damit es wahr wird
[ das interessante am begriff der liebe ist das wort (als bezeichnung/ "belautung" rsp. als schrift-/ schallcodierung selber, insofern es nämlich durch seine VER- oder ANWENDUNG die liebe zwar nicht außer kraft setzt, aber doch immerhin das aus dem blick/kopf nimmt, was sie sein soll (und schon haben wir, die hervorbringer dieser zeilen, das selber nicht mehr "auf dem schirm") – systemische klugheit sozusagen; die sprache eines menschen läuft innerhalb und zugleich außerhalb seines bewußtseins, sodaß wir gottseisgedankt und -geklagt nicht wissen, was wir ALLES (mit)sagen, wenn wir etwas sagen. das am rande.
liebe zu empfangen ist nicht leichter, als sie zu geben (sagen wir wie um eine gesprächspause zu füllen); das wort liebe muß darum ins nebulöse herunter- oder wohin-auch-immer-moderiert werden. wie um alle wörter muß besonders auch bei solchen wie liebe ein gewisser nebel der unbestimmtheit im spiel bleiben, damit es seinen sinn in der alltäglichen anwendung nicht ganz und gar verliert damit es überhaupt anwendbar bleibt. (wir sind SICHERER im gebrauch ein wortes, wenn WIR WISSEN, daß KEINER so GENAU weiß, was es bedeutet.) so gesehen könnte man sich fast den ganzen zirkus sparen – das reden wie das leben. aber sparen ist eine zwar manchmal sinnvolle, aber im allgemeinen zugleich auch stupide angelegenheit. ]
wondratscheks neues, eben jetzt, frühjahr 2011, erschienes buch beginnt mit einem gedicht, das er selber geschrieben hat (1974!). es heißt WARUM GEFÜHLE ZEIGEN (in CHUCK' S ZIMMER)
chuck ist ein WRITER wie ein beatnik, aus dem cut-up-realismus entsprungen, weltkritisch aus gestalterischer wahrnehmung. was is'n das denn? jede wahrnehmung ist wie der schuß aus einer kamera – eine DEZISION. was ist das? aufnahmetechnik: ein geschnipsel, riß und anschluß zugleich. kein dann-und-dann-erzählen. dichter zu sein, ist gepflegte nervosität, heißt, vieles gar nicht auszuhalten, aber auch, alles übergangene, weggeschubste zu beleuchten. kloaken-glamour sozusagen.
diese dichter schneiden, was geht, heraus. auch mit drogen. alles wird gebaut aus träumen, wie sie im umlauf sind, diese träume, flach, oberflach, alle erfassend, mein gott, nicht zum aushalten. die allgemeine paranoia der fußgängerzonen hat auch etwas beruhigendes für einen nervösen poeten, vermutlich, in denen alle so was von oberbeschissen aussehen, man kann nicht sagen, wie, mein gott, irgendwann wird man kotzen müssen, cut-up, das ist die reellste aller realitäten. die eß- und freßgestörten, wandelnde knochenskelette und fette tonnen, keine gesichter, das ist beatnik literatur. wenn alles in ein- und dasselbe gefühl getaucht ist, das der poet sich zugelegt hat. seine große stärke ist, daß er die fluchttür selber ist, durch die er jederzeit verschwinden kann. wenn er zurückkommt, hat er die nase voll, ist gut drauf, flezt an einer bar herum und verzichtet auf die sätze, die anderen einfallen, wenn sie sich, miteinander redend, aus dem weg gehen. das einzig gemeinsame hier in dieser bar in schwabing, wo die filme gedreht wurden aus den schnipseln, die die anderen wegwerfen. nicht, daß alle welt sofort sieht, daß wir auf dem letzten loch pfeifen.
die 2 letzten zeilen des besagten alten wondratschek-gedichtes lauten:
"Chuck, der sein Kind liebt, das nie zur Welt kommen wird."
der eigentliche (prosa)text beginnt mit der kapitelüberschrift:
"Einunddreißig Jahre später ..."
meine damenherren, Sie müssen sich vorstellen, so ein schwabinger cut-up-poet und liebhaber des boxsports und der bordellwelten, der ist in die jahre gekommen, läßt sein erzähler-ich, sein poeten-ich aus dem affenkäfig heraus, er und es wollen endlich raus aus dem cut-up-dichter-leben, wollen so sein wie-du-und-ich. aber dafür brauchen sie dich und mich-und-sie-die-vielleicht-auch-endlich-mal-mutter-werden-will.
heute ist chuck VATER, nicht nur SCHÖPFER von gedichten. der chuck mußte herunter von den drogen und fand diese eine frau, die er benutzte, weil er spürte, mit ihr könnte es gelingen, von der droge, dem koks, herunterzukommen. und sie, diese frau-wie-alle-frauen, wollte einen mann, mit dem sie eine familie gründen könnte. und das ergebnis war das zweite geschenk, wenn das erste geschenk die frau selber gewesen war, nämlich der sohn, den ihm diese frau SCHENKTE; der war zuerst nur wie eingeschenkt, aber dann war der da aus heiterem himmel und im angesicht des nutzlosen asozialen poeten so defensiv präsent wie chuck es immer selber war – in seinen affären mit den frauen, für die er alles tat, nur um wieder zu verschwinden. so ist es doch dies leben: dasein und wieder verschwinden? das ist cut-up-poesie: alle versprechen zu brechen, noch bevor sie ein anderer überhaupt erst hat aussprechen können, nicht wahr?
aber dann liebt chuck seinen sohn, bevor ihn dessen mutter, die den alten zum teufel gehauen hat, nachdem er sie schwanger alleingelassen hatte. als einen im nachhinein partizipierenden vater wollte sie ihn nicht haben. aber, da war nun dieses geschenk, der sohn, der seinem vater sein schweigen zur verfügung stellte, wie ein sohn eben, der diese vater-spricht-mit-dem-sohn-texte einfach ins aus laufen läßt wie ein mensch, um den man sich notorisch um den einen tick zu spät bemüht, zu dem diese texte irgendwie angekrochen kommen, als wollten sie ausgerechnet von ihm absolution bekommen. tja, aber der eigentliche sinn aller anträge ist, sie abzuweisen. wer was will, stellt keinen antrag, der nimmt es sich, wenn keiner was sagt, wird es schon seine richtigkeit haben. aber dieses gejeier einer welt aus nichts als zukurzgekommenen, das geht einem auf den keks. so oder so ähnlich ist dieser sohn von chuck – und vor allem in der nähe seines vaters, der sich in ihm gerade in seiner abweisenden art wiedererkennt. der geht, und wenn du den fragst, wann er wiederkommt, antwortet er: ja, mal schauen. mehr verbindlichkeit gibt's nicht, registriert ein zurückbleibender, aber gerade deswegen total involvierter leser wie ein bettler in liebesangelegenheiten.
wenn der chuck-vater mit seinem sohn spricht, dann konzentriert der sich auf die fliege, die im raum herumfliegt, da und dort landet, einem auf die nerven geht mit ihrem geschnurre, sie muß einfach dranglauben, während der vater nicht aufhören kann in seinen bemühungen um den sohn, nicht daß chuck zuviel redete, daß würde er nicht tun, aber vermutlich hat er was sparsames in seinem gesichtsausdruck. wie einer, dem sie eingebleut haben, daß lieben loslassen heißt, traut er sich nicht zuzugreifen; ja, ein guter vater ist ein schlechter, und nicht umgekehrt. oder wische waschi, dreh dich nicht um? jetzt ist es schon wieder da, das mistvieh, das nur dazu da ist, totgequetscht zu werden. aber töten darfst du nicht, sagt jetzt ausnahmsweise keiner. chuck hat die fliege gar nicht mitgekriegt, auf die sein sohn dauernd äugt, während sein vater satzweise der vater ist, der er ist. he, wer hat eigentlich diese marotte begonnen, jedes neugeborene mit eltern zu umzingeln, die da im chor flöten, daß es das größte und schönste und einschneidenste aller erlebnisse ist, vater oder mutter oder vielleicht auch noch beides zu werden. verdammt, diese scheiße könnte mir jetzt auch noch über die lippen kommen, denkt chuck. es ist einfach groß, jemanden gezeugt zu haben, der einem schon entgleitet, bevor er noch so richtig angekommen war. so ein anti-adventerlebnis, denkt da der dhonau-chuck
dies soll nur so ein bißchen dahingegeben sein in einer minimal steigenden absichtsklimax. wir wollen maximal fallende departicipación nach einer idée faxe von andra cacciaroni
der wiederkehrende trotz im fortgeschrittenen alter und – gott hab es selig: das HB-männlein
sagen wir mal, wir haben die schnauze voll – von ALLEM, und das vielleicht nur deswegen, weil uns die erinnerung immer wieder aufstößt an die zeit, als wir noch in reichweite waren von erwachsenen, die uns das beibringen wollten, was sie selber nicht konnten. jeder, der seine eigene erziehung noch nicht verdaut hatte, wollte sich an einem schadlos halten. daraus folgt ja keineswegs, daß diese texte ja nicht immer nur von der blödesten art waren, hie und da vielleicht, natürlich, aber die nervigkeit bestand ja gerade in der erdrückenden vernünftigkeit dieser texte, deren chiffrierter sinn von heute aus betrachtet darin zu bestehen schien, einem die erfahrungen vorzuenthalten, die "diese erwachsenen da" selber nicht hatten machen können, dürfen, wollen. ein junger mensch kann sich vielleicht weniger gut ausdrücken, aber vielleicht spürt er dafür umso mehr, läßt sich nichts einreden, jedenfalls, wenn er heftig pubertiert, und das heißt, sich gegen all diese texter verschließt: er läßt sie auf taube ohren stoßen. die können das nicht fassen, wo doch alles so vernünftig ist, was sie da zu sagen haben. und vernünftige texte sind texte, die durch sich selbst recht haben. natürlich könnten wir in einem niederschmetternden satz von DAMALS enden, wo zetbe diskussion ohnehin schon gleich zweimal nicht angesagt war. da war ein vater, eine mutter, ein werauchimmer so ächt fies, daß sie keine widerrede duldeten. dafür aber hattest du ein einfache und wirksame ersatzlösung parat: du zogst einfach eine richtige fresse, und papi flippte total aus und wurde in seiner hilflosigkeit zum HB-männchen. (wer aber kennt heute noch den berühmtesten aller totalcholeriker in unserem werbewitzigland oder den heutigen rauchfreien dunsthirnaseptikzonen?) und dann, wenn dein alter auf rumpelstilzchen war, wußtest du, daß du nur weit genug wegfliegen mußtest von zuhause, um nicht ganz falsch zu landen und zu liegen.
irgendwann, jahre später, wenn du wider erwarten immer noch in der pubertät geblieben warst, weil du immer noch solche angst hattest vor dieser vernünftigkeit des hochrealen lebens, hattest du plötzlich oder endlich REALISIERT, wie man mit HÖCHSTKULTUR die niedere erwachsenenwelt stressieren kann, und das ist, um eine entsprechende hausnummer aufzuwarten: italienische oper, am besten in den wahnsinnsarien einer koloratursopranistin. dafür mußtest du nur ein paar secondhandscheiben auftreiben, die vielleicht noch ein bißchen an die kratzschellackzeiten gemahnten, um der höchstkultur noch ein wenig authentischen empfängerschmerz beizumengen. natürlich war oper im erwachsenentrakt des nachkriegsgefängnisses mit wohlstandsfreigang) insofern schon wirktechnisch abgesichert, weil jeder wußte, daß das kultur ist, aber eben wie bei der sonntagspredigt, wo jeder ein sonntagsgesicht auf hatte, weil das die beste art war, abwesenheit zu kaschieren. hinter jedem sonntagsgesicht lauerte gähnende leere. deswegen war jeder familienvater, der nach solch einem sonntagsgottesdienst nach hause kam, gefürchtet wie ein jäh auftauchender abgrund, der einen zu verschlingen drohte.
bis heute ist dhonau diese infame opernliebe geblieben. auch wenn das nicht direkt zu werner schroeter führt, sondern eher um ihn herum, so versteht ein jeder, der nicht nur die dinge liebt, die er liebt, weil sie so liebenswert sind, sondern weil sie die richtigen anderen auch noch quälen.
das darf nicht gesagt werden, in dem land der obervernünftigen, die auf alles die immer gleich richtige antwort wissen, aber was schert einen das, wenn man überall pubertiert, wo man hingetorkelt (worden) ist, und keiner einem sagen kann, warum.