was hat abramczik, was hat er mit dem letzten, man muß schon sagen, ziemlich überladenen dhonau-beitrag, diesem hybriden gebilde, zu tun?
nichts.
diese überladenheit, das ist nicht allein das dhonau-problem. der kasus knaxus ist der mensch:
der mensch fürchtet die grausamkeit der natur und begeht grausamkeiten von roh gewalttätig bis subtil pyschotechnisch. und er transponiert das grausame der wildesten naturgewalt ins informell-geistige und sie ins unkenntliche. und dort, wo die grausamkeit sich vor dem mensch selbst verbirgt, dort schlägt sie umso ungehinderter durch. ein modell dieser grausamkeit ist der mörder, den seine umgebung bis dato nur als treusorgenden familienvater kannte etc.
kein wesen fühlt sich so zuständig für die ganze welt wie der mensch. der mensch leidet in der winner-gesellschaft für die looser, ist lobby für die bemitleidenswerten und gelangt so zu REPUTATION.
grausam ist das.
ja, eine seiner größten raffiniertheiten ist es, einen gott erfunden zu haben, der für uns eine abspaltung schizophrener göttlichkeit als SOHN auf die welt gesandt hat, um alles leid auf sich zu nehmen, — und also weilet nun unter uns menschen ein hybrid aus mensch und gott, ein unbestimmbares zwitterwesen, das einen kontrast darstellt zu unseren begriffen, die auf schärfe und genauigkeit gestellt sind und uns doch immer wieder in dem allgemeinen diskurswirr ins chaotische zu entgleiten drohen.
es ist also, meint dhonau, doch sehr einsichtig, daß wir uns das thema mensch auf eine distanz bringen, die das DRAMA mensch in prosa übersetzt. natürlich geht dabei temperatur flöten. alles gerät ein wenig ins wissenschaftlich klinische, sodaß wir uns wie ein arzt, der alles leid so ins sachliche heruntergekühlt, als wäre er selber ein gott, aber nicht wie der gottessohn ein mitfühler, sondern wie ein richtiger gott eben, einer, der über allem schwebt, der in nichts involviert ist, dem jeder mensch gleich gilt, und darum kommt dieser unser gott auch so gleichgültig rüber. ein anderes wort für gleichgültigkeit aber ist souveränität. souveränität freilich istz niochts zum lachen, denn wenn der souveräne sich heiter gestimmt zeigt, dann kommt er gern ins joviale, ins gönnerhafte (von oben herab), ins betont nachsichtige, das aber steht doch nur einem richtigen (=coolen) gott zu, und in der tat kommt der begriff des jovialen von iovis, das ist das lateinische wort für den großen gott jupiter. quod liquet iovis non liquet bovis. = was dem jupiter erlaubt ist, ist dem ochsen noch lange nicht erlaubt – so geht das sprichwort wir sehen diese erfindungen des menschen, die geschichten, die in unzähligen schichten (der mythologischen überlieferung) in unsere gegenwart aus langer vorzeit in unsere gegenwart hineinreicht, kündet von diesem großen gegensatz des souverän-autonomen in nichts involvierten (neurosenfreien) herrschers und dem in alles verstrickten, leidversessenen, neurotisch bewegten mitfühlers.
dieser gegensatz markiert das soziale feld, das unsere gattung als eine solche hervorbringt.
darum ist es wichtig, ein sensorium, eine technik, ein knowhow zu entwickeln, das die temperaturen zu regeln hilft, um uns für dieses soziale klima ein wenig wetterfest zu machen
ach ja, abramczik ist einer wie du und ich, manchmal schimmert das göttliche durch ihn hindurch und manchmal auch das erbärmliche. abramczik ist überall und nirgendwo. es gibt ihn —
ein halber, also richtiger freund und eine halbe, also richtige kunst
vor ca. 30 jahren, noch gar nicht an dhonau, den bloggerianer, zu denken, hatte ich einen halben, also richtigen freund, der war ein bißchen nebenbei germanistik-student, also ein richtiger, und konnte seine leise verzweiflung über sich und die welt und seine immer schweißnassen hände mit diesem germanistik-scheiß, wie er und alle anderen germanistik-studenten es empfanden, in eine verzweifelt angemessene form gießen. germanistik zu studieren war einfach scheiße. und dieser nicht besonders, sondern eher normal verweifelte freund und germanistik-student hockte in seiner studenten-bude in schwabing, einem künstlerviertel, in dem alles vorkam, nur keine kunst, und las am liebsten literatur, die nicht in der verzweiflung verharrte, sondern sich aus ihr hindurch- und herausschrieb. sein lieblingsdichter war hubert fichte, und genau auf den bin ich heute durch zufall, den es ja angeblich nicht gibt, gestoßen. ich habe noch ein paar exemplare von "sprache im technischen zeitalter" aus den 1980ern, einem literaturmagazin des LITERARISCHEN COLLOQUIUMs (berlin). in einem der hefte (104; 1987) fand ich ein interview mit hubert fichte, damals eines der heißen eisen der deutschen literatur. d. h. natürlich zugleich: einem größeren publikum nicht bekannt. und nun stellen Sie sich einmal vor, da, in diesem interview, berichtet der dichter davon, daß er seine romane, die natürlich nicht so sind, wie romane landläufig zu sein haben, mit zetteln vorbereitet, abertausenden, die er an die wand nagelt, regelrecht nagelt. 1967 sei er aus seiner wohnung aus diesem grund herausgeklagt worden. zwar habe der hausbesitzer den prozeß gewonnen, aber während des langen prozesses sei er pleite gegangen. ein neuer besitzer sei ins haus gezogen. doch bevor es dann zu einem zweiten prozeß gekommen sei wegen seiner notorischen romannagelei, habe der neue besitzer sich an diese unbill gewöhnt. dessen moderaten ansinnen aber, bei seinen zettelaktionen doch wenigstens filz oder irgendein isoliermaterial zu verwenden, habe er einfach nicht entsprechen können, er würde nur heute etwas leiser nageln.
DAS ist literatur. alles andere käse.
davon war mein germanistischer halbfreund überzeugt, ohne es zu wissen, denn er war von seinen eigenen schwitzereien derart beeinträchtigt, daß er dachte, bei all den herrenweibern keinen stich machen zu können, die unser gemeinsamer freund BALAN so nannte, die über ihn hinwegsahen
ich, der ich heute hier als dhonau firmiere, stimmte ihm zu, obwohl ich außer ein paar sätzen nichts von fichte gelesen hatte. diese paar sätze aber und die geschichte über einen halben, also richtigen freund ergeben zusammen (formelhaft) das, was ich reale lektüre nennen würde. zu dieser auffassung von lektüre gehört unabdingbar ein grad an unvollständigkeit und – eine geschichte dieser so oder so sich manifestiert habenden unvollständigkeit (eines nicht zuendelesens oder einer flüchtigen oder überspringenden oder ständig unterbrochenen aufmerksamkeit etc.) alle lesen irgendetwas in dieser oder jener weise, das kann auch erzählt werden, auf immer neue weise. das bibliophile gehabe des bildungsbürgers kann einem ja auch mächtig auf den zeiger gehen, nicht wahr?
andererseits ist ja der schwitzkas, wie er später genannt wurde, schwitzkas gröhLLe, in ein schwabinger halb berühmtes, also richtig berühmtes lokal gegangen und hat sich, nachdem er an dem türsteher vorbeigekommen ist, oder sagen wir: sich vorbeigeschwitzt hat mit seinem immer ein wenig zur seite geneigten kopf, als wollte er den watschen, von denen er geglaubt, sie gälten ihm, ein wenig durch deren antizipation die schärfe nehmen, an den tresen gepflanzt gehabt, um der angekündigten kunstaktion des HEINZ BRAUN beizuwohnen, der eigentlich postbote war und erfolgloser maler, aber als hauptdarsteller in den achternbuschfilmen mittlerweile bekannt geworden war und den denkwürdigen satz in einem dieser filme wie eine fahne in den wind gehoben hatte, der da lautete, auf die anwerfung eine oberbayrischen kellnerin hin, ihm stünde er doch gar nicht mehr: "oh doch!" seither war der schwitzkas, mittlerweile der hinterletzte aller germanistikstudenten, ein lautloser anhänger aller achternbusch-kunst-eskapaden geworden. der achternbusch war der erste aktör gewesen von den kleinbürgerlich-bürgerlichen-zukurzgekommenen, nichtsdestotrotz oder überhaupt zum trotz lustaffinen landpiraten, nicht wie die raf-trotteln, die aus ihrer verwahrlostheit eine utopie machen wollten. und auf eben jener heinz-braun-kunstaktion haben sie einen stier ins szene-lokal geschleppt, der dann die tanzfläche vollgeschissen hat mit seinen riesenpflatschfladen. der gröhLLE also saß am tresen und schlürfte ein pils, als der achternbusch neben ihm platz nahm und ihm noch eins spendierte, wohl weil er so eine leise deplaziertheit an sich hatte, die alle jene so schätzen, die selber gerne unentwegt aus sich raushüpfen und ihrer zuhörerschaft eine nase drehen mit unausprobierten sätzen, nicht wahr. riskante sätze, yes. jedenfalls hat der dem schwitzkas erzählt, wie er einem redaktör des bayrischen fernsehens in den arsch kriecht, weil er an die filmfördermittel herankommen mußte, aber wenn er dann ans ziel gekommen sei, würde er schon wieder sein kunst-leck-mich-am-arsch in überraschend anmutiger weise zur ungestalt werden lassen können. das aber ist dem gröhLLe schwitzkas auf ewig haften geblieben, weil er in seiner schwitzkasigkeit sich von einer schwelend lauernden arschkriecherveranlagung ausgehöhLLt fühlte, aber jetzt, durch den kunstabgott achternbusch hatte er eine nachhaltige absolution gespürt, von der er heute noch zehrt, da er selber, vom staat indirekt alimentiert, seine frau war eine bayrische beamtin, zum abstrakten maler geworden war. mittlerweile sitzt er in den gremien, die irgendwelche kunstgelder über die felder streuen, wo sich dann die verschiedenen kunstdeplazierten drüber hermachen, um aus der verweigerung, irgendetwas zu produzieren, was auf sie selber rückschlüsse zuließe, selber kunst herzustellen. die ganzen provinzvernissageleisetreter, welche von der absicht beseelt sind, keine vernissage-sätze von sich zu geben, und die ihre undeodoriertheit für natürlichkeit halten, tauchen auf den schwitzkas-ausstellungen auf, um wie statisten herumzustehen, die nicht wissen, wann der film losgeht, in dem sie keine rolle spielen.
wenn wir nochmals in den zusammenhängen der letzten einträge auf das thema INDIVIDUUM zu sprechen kommen, dann geht es auf der höhe (und den untiefen) unserer zeit ja nicht nur um die unverwechselbarkeit, die einzigartigkeit und die gar nicht einmal so oft beschworene kostbarkeit des EINZELNEN (gott liebt auch dich und deine krumme zehen), sondern auch um soziale präsenz, wirkkraft, autorität, karismatische potenz, also eben auch um einen überschuß über die landläufigen erklärungsmöglichkeiten hinaus, schlicht um — MAGIE:
mit all diesen begriffen aber haben wir die sphäre des ver-EINZEL-ten, des insularischen, verlassen. es geht um den einzelnen in seiner wechselwirkenden bezogenheit auf andere
niemand ist nur durch sich das, was er ist. er ist schon immer aufgetaucht aus sozialen sphären in diese seine kenntlichkeit hinein, er soll von nun an der AUTOR seiner vielfältigen äußerungen sein, aber auch jederzeit belangbar für das, was dieser autorenschaft zugeordnet ist. daher ist ein soziales immer auch ein rechtswesen. schon deswegen ist klar, warum viele auch davor zurückschrecken, sich bis zur kenntlichkeit zu entfalten.
wenn es aber so ist, daß niemand nur allein durch sich selbst das ist, was er ist, dann fängt er an (auch) das zu werden, als was er gilt.
wenn dem aber so ist, dann ist etwa die aussage, man schätze jemanden um seiner selbst willen, von vorneherein problematisch. wir sagen: keiner ist durch sich allein irgendetwas.
dennoch kann eine liebeserklärung, der ja immer zugrundeliegt, man sei von jemanden so betört, daß man gar nicht mehr in nutz und interessiertheit denken könnte, durchaus ihren sinn haben. wir sind dann aber im bereich der oben angesprochenen charismatischen wirkfelder, einer magie, die begrifflich den boden des INDIVIDUELLEN in seiner absolutheit in frage stellt. aber dieser begriff beansprucht ja implizit gerade so etwas wie autonomie, unabhängigkeit, bedingungslosigkeit. ein mensch, jedenfalls einer, der sich bis zu seiner wirkmächtigkeit entfaltet hat, spielt über seine individualität in energetischen geschehnisse hinein, die seine autorenschaft in gewissen bereichen doch sehr in frage stellen. so würden wir bei manchen sätzen, die einem mensch entfleuchen gerne wissen, wer oder was da aus ihm gesprochen hat, nicht wahr?
hexe – ist (etymologisch) verwandt mit einem alten wort für zaun: HAG (s. auch einhegen) die hexe ist eine grenzdisponierte profession die amtskirche als institutionelle grenzbewirtschafterin hat die hexe in grausamster logik bekämpft
individualität ist die eigenschaft, die für die unverwechselbarkeit des menschen steht — und die gerade deswegen auch eine soziale marke darstellt, weil die unterschiedenheit des individuums natürlich nur sinn macht auf dem hintergrund einer prinzipiellen vergleichbarkeit des einen mit dem anderen. wie sich die menschen gleichen! – das ist der satz, der von den grenzen der individualität kündet. berühmt, UNSTERBLICH berühmt zu sein, ist antrieb für viele, die aufblühen, wann und wo auch immer über sie geredet wird; oder sagen wir beispielhaft, stadtgespräch sind) diese disposition zur über-individualisierung (um mit diesem begriff eine nähe zu einem berühmten deutschen philosophen zu riskieren) ist unserer gattung einverleibt, um eben das wissen um die STERBLICHKEIT zurückzudrängen. in diesen zusammenhängen können wir verstehen, warum dieses streben nach unsterblicher berühmtheit so überaus stark in unserer (müde machenden) gattung verankert ist. für den einzelnen mag sie (die sucht, sich zu verewigen) ein mächtiger fake sein, eine art systemlistig implementierte selbstverarschung, die allerdings das individuum erst zum individuum werden läßt; für das überleben der gattung aber ist dieser enorme unterscheidungswille (die einstiegsdroge richtung berühmtheit) von großer relevanz.
wir könnten daher zusammenfassend sagen, mit einer vorliebe für dialektische zuspitzung: das individuum erweist sich, insofern es individuum ist, als erfüller der gattung. das steht doch immerhin in einem starken gegensatz zum begriff des individuellen aber: nur derjenige, der eine halb bewußte, instinktive, listige nähe – gleichwie – zu den un-themen des NICHT-SEIN herstellen kann, wird als oscarverdächtiger nebendarsteller ein vergleichweise kommodes leben führen können. (ein beispiel dafür ist das epikureische lebe-im-verborgenen! – das hält ja in seiner moderierten präsenz eine verbindung zum nicht-(da-)sein, nicht wahr?) das mag zwar ebenso ein fake sein, wie der glaube an sich selber eine gelinde donquichotterie darstellt, aber wer alles unternähme, diesem existenziellen klimmzug nicht zu frönen, wird bald in einer unendlichen serie von therapien seiner eigenen auflösung beiwohnen können
ein mensch wird mensch, sobald er anfängt zu sterben. – bis dahin kann er als göttlich gelten oder wahlweise auch zum genie erkoren sein, so wird der zustand genannt, in dem ein mensch in die sphäre des göttlichen getaucht und zugleich erhoben ist.
die hagmeisterin von t u r t l e w o o d
firstet ... [eigtl. fristet – aber aus unerfindlichen gründen
bleibt das, als ob es am besten so paßte]
... ihr leben in einem schaufenster,
um zu zeigen daß
ein blick etwas ist, das blicke
anzieht, anziehen soll neinein, im gegenteil
oder besser
noch im kehrsinn: nicht um blicke
anzuziehen, sondern um sie abzuwehren.
die hagmeisterin nämlich kommt
deroselbst aus dem berühmtberüchtigten
hauer zwielicht. und dem zwie lichtigen dorf bleibt
sie auf immer verbunden, auch
wenn sie längst eine messer scharfe (und eben keine zwielichtige)
existenz führt, aber weil sie auf der
grenze zwischen hier und weg einen seil tanz zelebriert, daß
den menschen der atem stocken mag.
die tobal flirrt über den sieben lüften. so aber heißen die hauer umlandberge.
einer, ihr höchster, spiegelt in der
mittagssonne
wie eine funkel-klinge, und wird
von den einheimischen
glockenbauern MESSERS SCHNEIDE genannt
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schließlich aber wird jeder dieser unserer götter in die reihen zurückbeordert durch das uns grundierende (syllogistische) gesetz: alle menschen sind sterblich. caesar ist ein mensch. also ist er sterblich auch die wissenschaft billigt tieren besondere intelligenz zu, wenn sie sie sich im spiegelbild wiedererkennen, was vor allem auch bei den rabenvögeln der fall ist. deswegen werden auch besonders individuierte gerne als schräge vögel bezeichnet, deren grenzwertiges auftreten wohl daher rührt, daß sie allzuoft in den spiegel geschaut haben, bis sie so weit sind, daß sie sich wegen ihrer verrücktheit selber unter genie-verdacht stellen (müssen)
womöglich sind besonders diejenigen, die mit ihrer eigenen intelligenz spielen wie säuglinge mit ihren füßen, zu dieser unfeinen politischen inkorrektheit in der lage, die die grundlage ist jener witzwelt, in der die japaner sich andauernd miteinander verwechseln, weil sie sich, wie die langnasen (= die europäer) wissen, kaum voneinander unterscheiden, so daß zwei männer dieses volkes, wenn sie einander gegenüberstehen, oft gar nicht wissen, welcher von beiden der eine ist und welcher der andere, warum es hin und wieder geschieht, daß zum beispiel der eine (hin und wieder auch der andere) sagt: ich habe neulich mit deiner frau geschlafen, wenn mich nicht alles täuscht. woraufhin der jeweils andere vermutet, sie habe sie womöglich, wie sie selbst, miteinander verwechselt. um sich langsam wieder aus diesem gestrüpp allgemeiner verwechslung zu lösen, beginnen die irrtierten, welche wie alle irritierten sich hinter einem freundlichen lächeln verstecken, vorsichtig nach den namen zu fragen. das ist aber im asiatischen raum schon leicht grenzwertig, weil höflichkeit und inkognito ganz nahe beieinanderstehen, darum geschieht es, daß ein derart behelligter sich gar nicht selten in eine eingefrorene maske verwandelt, vielleicht auch deswegen, weil er selber nicht mehr so recht weiß, ob er jetzt mit seiner eigenen frau geschlafen hat oder mit der eines anderen.
all das mag auch der hintergrund dafür sein, daß menschen in unseren breitengraden, die mit ihrem eigenen ich (oder: du) nicht klar kommen, also einen schaden davongetragen haben an ihrer individualität (an der waffel), gerne asiatisch gefärbten esoterischen gurus anhängen, weil die jeden menschen gleich gerne haben, schon aus gründen der vorsicht, es könnte ja immer sein, daß der eine oder andere man selber ist, warum man es sich mit keinem verscherzen will. in dieser anti-individuellen welt suchen gerade deswegen viele überindividuierten, übercoachten menschen ihr heil, nicht wahr.
der mit der ganzen welt aufgeladene worldwideweb-bürger und seine therapeuten — das ist soziale marktwirtschaft der avanciertesten art
wenn wie jetzt in der ausstellung GESICHTER DER RENAISSANCE das individuum gefeiert wird, haben wir hier auch einen anschaulichen beleg dafür, daß der gesicht habende individuelle mensch der BÜRGER ist, der in seiner avisierten mündigkeit den einzelnen, unverwechselbaren menschen darstellt, dessen porträt eben nicht nur sein äußeres naturgetreu darstellt, sondern ihn in diesem einen – charakteristischen – augenblick festhält (was sich im bild nicht im zeitlichen realisiert, sondern im szenischen. und das szenische aber ist eine raumzeitliche kategorie.)
schon ein gewendeter blick etwa, entgegen der körperachse, weist in ein außerhalb des bildes (vom betrachter weg sozusagen). das assoziiert den porträtierten (jedenfalls der guten möglichkeit nach) mit der idee vom individuum als einem autonomen wesen, mit dem begriff der freiheit also.
das individuum der renaissance ist der wehrhafte bürger, verhandlungsfähig, gesellschaftsfähig, am öffentlichen leben teilhabend. vor allem ist es auch eingeweiht in das spannungsfeld darstellung-wirklichkeit, das der renaissance-mensch zu einem operablen feld macht. die (selbst-)darstellung, der sinn für repräsentativität, alles das, was wir heute unter public relations verstehen, ist bestandteil moderner bürgerlichkeit.
wer heute etwa den erfolg der GRÜNEN verstehen will, sollte das vielleicht unter derartigen gesichtspunkten moderner individualität mitbetrachten.
etwa das vielgescholtene nachmittagsfernsehen der privaten sender, die das sich langsam abzeichnende loser-drittel unserer wettbewerbsfetischierten gesellschaft markieren, kann auch als eine einübung in (SELBST-)BEARBEITUNG (wobei hier die SUPERNANNY wohl die vergleichsweise reellste und anspruchsvollste, also bürgerlichste variante darstellt), angesehen werden und deutet an, was mit der globalisierung am horizont aufscheint, nämlich auch so etwas wie das ENDE des BÜRGERLICHEN selbst. eine klasse, die ihr NIVEAU, also die abgrenzung gegenüber der "niveaulosen" klasse, sagen wir mal: dem prekariat, verteidigt, ahnt schon, daß es ihr womöglich bald einmal an den kragen gehen könnte. niveau wird bekämpft, indem es offensiv unterschritten wird. niveau ist in erster linie so etwas wie eine visitenkarte (und also obsolet). understatement als beispiel von niveau läßt sich dekodieren als eine sozusagen gehobene und gesteigerte form von (bürgerlicher) angabe.
der inbegriff des modernen bürgers ist derjenige, welcher es sich leisten kann, das feld seiner vorurteile in kritische betrachtung zu nehmen, der selbst in der kritik an seiner person anderen meilenweit voraus ist, aber der ständigen gefahr autoaggressiver phänomene (neurologischer und immunologischer und psychosozialer art) ausgesetzt; wir könnten vereinfacht sagen, der wähler der GRÜNEN, mit dem die idee des BÜRGERLICHEN noch einmal, vielleicht ein letztes mal, sich aufbäumt (wutbürger), an ihren höhepunkt gelangt, bevor sie im worldwideweb endgültig von den migrantenhintergründen verschluckt werden wird. nur mit dem unterschied, daß diese migranten nicht mehr wandern, sondern überall schon da sind, wenn nämlich der unterschied zwischen virtualität und materieller präsenz langsam, aber sicher immer irrelevanter werden wird. da sind die hypersensiblen neurobürger mit ihren überempfindlichkeiten in ihrem schutzbedürfnis nicht mehr zu befrieden, die werden auf dem hintergrund ihrer privilegien und dem (auotaggressiv gefärbten) unterschwelligen stolz auf ihr schlechtes gewissen, das sie mit allen unterdrückten dieser welt mitfühlen läßt, von ihrem, sagen wir es einmal provokant vereinfacht, von ihrem gesundheitswahn zerfressen.
natürlich ist es auch ein vergnügen, seiner spekulativen phantasie derart freien lauf zu lassen und die mitbürger, die einem doch auch hin und wieder gehörig auf die nerven gehen können, ein wenig zu schrecken